Ronny Delrue

Weiße Erinnerungen

Marc Ruyters

1993

Was treibt einen Künstler dazu, seine eigene schöpferische Originalität zu entdecken und zu erschließen? Das ist bei jedem von ihnen eine andere Geschichte, oder sollte es doch sein. Für Ronny Delrue beginnt sie Mitte der achtziger Jahre mit der Entdeckung eines baufälligen Hauses. Dieses Haus, seine Architektur und Umgebung sowie der scheinbare Gegensatz von Ruhe und Spannung zwischen diesen beiden sollten ihm den Anreiz für seine eigene künstlerische Entfaltung verschaffen. 

Bis zu diesem Zeitpunkt folgte Delrue vorgegebenen Pfaden: Er besuchte die Kunstakademie von Gent und danach das Nationale Höhere Kunstunstitut in Antwerpen. Damals ʺbeschränkte“ sich seine künstlerische Suche auf das Malen von Bildern nach alten Meistern, wie Tizian, Rubens, El Greco und anderen. Genau gleich, wie es die Malergesellen in früheren Jahrhunderten taten, als Sie auf ihre Weise auch auf die Suche nach Erfahrung, Erkenntnis und einem eigenen Stil gingen.

Das alte Schleusenhaus 4 am Kanal Bossuit-Kortrijk, der die Flüsse Leie und Schelde miteinander verbindet, wurde zur ersten Katharsis. Ronny Delrue kaufte dieses verfallene Haus Mitte der achtziger Jahre, weil es eine so einmalige Aussicht bot. Es gab aber noch eine weitere, unvermutete Anziehungskraft. Der Künstler schaute es sich unzählige Male – bei Regen und Sonnenschein – mit dem Auge des Malers an: Das Haus wurde zu einer Inspirationsquelle, einer Skulptur in einer wundervollen Landschaft, zur Verbindung zwischen dem Innenleben des Künstlers und dem Äußerlichen seiner Welt. 

Delrue hatte es nicht mehr nötig, etwas anderes zu betrachten: Aufnahmen der Baustelle, die Rückseite von Architektenplänen, die Umbauskizzen, die alten Türen, sie waren Träger der Vergangenheit, sie sollten auch zu Trägern von Delrues Gegenwart sowie seiner Malerei werden. 

Das Schleusenhaus wurde zu einem Zeichen, zum subtilen Signal zwischen Gegenständlichem und Abstraktem, zwischen Anekdote und Transposition, in der gleichen Weise, wie auch Joseph Beuys einmal gearbeitet hatte. Beuys gelangte zu seiner eigenen Künstlergeschichte dank seinen – fingierten oder echten  - Kriegserinnerungen als Pilot an Filz, Fett und andere Materialien zum Überleben. Delrue gelangte zu der seinen dank dem vierten Schleusenhäuschen in einer ursprünglichen Reihe von elf, einem Häuschen mit einem Guckfenster, durch das der frühere Schleusenwärter hinausschauen konnte, um die Schiffe zu verschleusen.

Die Geschichte von Delrue erscheint kleinräumiger als die von Beuys, aber jeder Künstler geht von der eigenen Katharsis aus, um die Welt um sich herum zu betrachten, zu ergründen und dann nach der Läuterung wieder auf sich selbst zurückzufallen. 

Auch Delrue machte und macht diesen Prozess durch. Denn diese eine Katharsis genügt nicht, sie leitet bloß einen Lebensprozess ein. In seinem persönlichen Leben  wurde Delrue mit dem Tod seiner Großmütter konfrontiert, zweier geliebter Menschen, bei denen er sah, was mit der magischen, mythischen Kraft des Auges geschehen konnte. Das brechende, sterbende Auge im Gegensatz zum lebenden, sehenden Auge. Die Begegnung zwischen Augen und Blicken, Nasen, Körpern. Das Spannungsfeld unmittelbar vor einer solchen Begegnung, der Kuß, der Tod. 

Der Tod ist dabei das Signal des Lichtes. Denn für Delrue ist alles ein Kommen und Gehen, ein Prozess des Lebens und des Verfalls in eine unvermeidliche Harmonie, die keinen Ekel oder Widerwillen, sondern Selbstverständlichkeit in sich trägt: Man muss des Leben intensiv leben, aber sich zugleich seiner Vergänglichkeit bewusst sein.

Ein einschneidendes Ereignis, ein Golfkrieg zum Beispiel, kann Einsichten verändern. Augen können zu Kratern werden. Nicht mehr die feurige oder brechende Kugel, sondern durch die Macht anderer verursachte Krater. Die Macht von Kriegführenden, jeder von ihnen in seinem guten Recht, mit der Krone als Symbol. Oder die Macht des Malers, der König  in seinem Atelier, die Krönung der Kunst. In dieser Periode taucht in Delrue Werk das Motiv der gezackten Krone auf, das Blattgold (Farbe des Reichtums), die Beschränkung. ʺDu magst der größte König sein, aber auch deine Zeit wird einmal kommenʺ. Das Fossil, Symbol der Vergänglichkeit, wird auch zu einem zentralen Thema: Das Gesicht und der Körper vergehen, das Skelett bleibt. Lediglich die Krone bleibt übrig. 

Eine Reise nach Mexico sollte dieser Thematik noch mehr Bedeutung verleihen: Das abstrakte Symbol von Teotihuacán, dem Tempel von Sonne und Mond, taucht auf. Oder die Landschaften mit menschlichen Gebeinen: Waren es Könige oder Sklaven? Das Licht der Zeit verdrängt alles. 

Seitdem begann Ronny Delrue auf Leinwand zu malen. Während er früher auf ʺAltpapierʺ (vergleiche die Skizzen des Schleusenhauses) und später auf japanischem Papier oder Papier auf Leinwand arbeitete, ist das Bedürfnis, um auf ʺdie Vergangenheitʺ zurückzugreifen, mittlerweile entfallen, denn in Delrues Werk verschwindet immer mehr jede Spur des Anekdotischen. Das ist auch am Gebrauch der Farben zu sehen: Während er früher sehr farbbewusst arbeitete (ʺBraunʺ für die Erde, ʺRotʺ für die Wut, ʺBlattgoldʺ für den Reichtum), ist das neuere Werk immer weißer und heller geworden. Manchmal werden Farben sogar weggeschnitten oder versteckt, weil das Licht über sie hinwegstreicht, wiederum das Licht der Zeit. Aber wenn doch noch eine Farbe darin vorkommt, ein Punkt, ein Fleck oder ein Strich, dann ist sie ungeheuer konzentriert. Ein Markierung in der Zeit. 

Ronny Delrue fühlt von sich selbst, daß er sich als Künstler erst seit einigen Jahren echt ausgeben kann. Sein Werk ist abstrakter und transparenter geworden, die Symbolik bleibt vorhanden, aber rückt in den Hintergrund. Die Suche nach der fundamentalen Malerei ist zur zentralen Thematik geworden, eine Suche die nur beginnen, aber nie enden kann. In diesem Sinne schließt sich für Ronny Delrue zum ersten Mal der Kreis. Wo er einmal mit dem Malen nach alten Meistern begann, macht er heute das, worum es diesen Meistern in früheren Jahrhunderten auch gegangen war: Um den grundlegenden Umgang mit der  Materie, aber auch mit dem Gefühl, dem Verstand und dem Universalbild. Hinter dem Guckfenster des Schleusenhäuschens verbirgt sich die ungreifbare Ewigkeit. 

Top